Annette Hettiger und Thomas Völkl von der Mittelschule Marktheidenfeld
„Vielleicht das Schönste, was ich beruflich je gemacht habe“
Annette Hettiger & Thomas Völkl
Schweiz
Schulleiterin und Lehrer an der Mittelschule Marktheidenfeld

Annette Hettiger und Thomas Völkl, Schulleiterin und Lehrer an der Mittelschule Marktheidenfeld, reisten mit ihren Schülern nach Trogen in die Schweiz. Dort nahmen sie am Mittelschulprojekt im Kinderdorf Pestalozzi teil. Im Interview berichten sie, warum sie sich bewarben, was ihre Schülerinnen und Schüler erlebten und warum ein internationaler Jugendaustausch gerade für Mittelschulen wertvoll ist. 

Das Mittelschulprojekt war der erste internationale Austausch an Ihrer Schule. Wie kam es dazu?

Hettiger: Wir erfuhren per E-Mail von dem Projekt. Es sprach mich sofort an, da ich ohnehin vorhatte, in diesem Schuljahr einen internationalen Jugendaustausch zu organisieren. Ich selbst habe als Schülerin an Austauschen in Italien, Frankreich und England sowie als Studentin in Schottland teilgenommen. Solche Erfahrungen prägen und das wollte ich auch unseren Schülerinnen und Schülern ermöglichen.

Wie lief die Woche vor Ort ab?

Völkl: Das Programm fand von Montag bis Freitag statt und bestand aus zahlreichen Workshops für unsere Schülerinnen und Schüler sowie für uns Lehrkräfte. Drei Schulen aus Nordmazedonien waren dabei, dazu die Auen-Schule aus Schweinfurt, mit der wir gemeinsam anreisten. Die didaktische Struktur – vom ruhigen Einstieg über die Gruppenbildung bis zum gemeinsamen Abschluss – war hervorragend organisiert. Das Kinderdorf Pestalozzi selbst ist, wie der Name verrät, wie ein kleines Dorf gestaltet. Es ist einfach, aber sehr schön. Die Schülerinnen und Schüler schliefen in Mehrbett-, die Lehrkräfte in Einzelzimmern. Vor jedem Essen deckten wir gemeinsam die Tische. Wir verteilten die zu erledigenden Aufgaben fair, sodass alle Verantwortung trugen.

Gibt es einen Workshop, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Hettiger: Die selbstproduzierte Radioshow begeisterte die Schülerinnen und Schüler sehr. Sie erarbeiteten in Gruppen Themen und präsentierten sie in einem echten Tonstudio. Es war beeindruckend zu sehen, wie sie im Laufe der Woche an Selbstbewusstsein gewannen. Am Ende trauten sich alle, etwas zu sagen und das mit echter Begeisterung.

„Unsere Schülerinnen und Schüler waren beeindruckt, wie offen die nordmazedonischen Jugendlichen auf sie zugingen.“

Wie war das erste Aufeinandertreffen, sowohl unter den Lehrkräften als auch unter den Jugendlichen?

Völkl: Unter den Lehrkräften war die Atmosphäre von Anfang an angenehm. Die nordmazedonischen Kolleginnen waren freundlich, sprachen gutes Englisch und legten großen Wert auf Gemeinschaft. Unsere Schülerinnen und Schüler waren beeindruckt, wie offen die nordmazedonischen Jugendlichen auf sie zugingen. Sie sagten zum Beispiel: ‚You're my friend! Come, we play volleyball!‘ Ihre Englischkenntnisse waren besser als die unserer Schülerinnen und Schüler, was diese anspornte. Sprachlich und emotional lernten unsere Jugendlichen enorm viel dazu. 

Welche Vorbehalte gab es vorher bei den Jugendlichen und was veränderte der Schüleraustausch?

Hettiger: Einige sagten vor der Fahrt: ‚Nordmazedonien? Mit denen können wir uns doch gar nicht unterhalten. Die haben bestimmt ganz andere Interessen.‘ Erst durch den Schüleraustausch merkten sie, dass das nicht stimmt. Jugendliche haben überall auf der Welt ähnliche Interessen. Sie können offen aufeinander zugehen. Für viele unserer Schülerinnen und Schüler war die Reise besonders wertvoll, da sie noch nie im Urlaub gewesen waren. Sie kommen aus Familien mit wenig Geld. Manche hatten noch nie Berge gesehen. Schon das Rauskommen, Neues erleben und andere Jugendliche kennenlernen war ein großer Gewinn. 

Völkl: Die größte Hürde war die Sprachbarriere. Viele sagten anfangs: ‚Wir können doch gar kein Englisch!‘ Doch sie merkten schnell, dass es nicht auf Perfektion ankommt. Sie konnten sich verständigen und das reicht. Diese Erkenntnis war wohl die wichtigste. Außerdem erlebten unsere Schülerinnen und Schüler, dass die Menschen in Südosteuropa genauso sind wie sie selbst. Europa ist für viele eine Wirtschaftsunion, aber es sollte mehr sein. Schüleraustausche machen Europa lebendig. Im Unterricht kann man viel erzählen, aber beim Austausch erleben die Schüler es live und vergessen es nie wieder.

„Für mich war es ein Highlight meiner beruflichen Laufbahn.“

Welches Fazit zogen Ihre Schülerinnen und Schüler?

Völkl: Sie waren völlig begeistert. Bei der Verabschiedung am letzten Tag flossen viele Tränen. Die intensive Zeit, die vielen gemeinsamen Aktivitäten und Workshops, beeindruckten sie tief. Am Ende bekam jeder einen Stoffbeutel vom Kinderdorf Pestalozzi, auf den die anderen ihre Namen schrieben. Diese Taschen tragen die Schülerinnen und Schüler noch heute stolz mit sich. 

Hettiger: Sie fragen immer wieder, ob wir das wiederholen können. Am liebsten mit denselben Jugendlichen, aber sie wären auch offen, neue kennenzulernen.

Was nehmen Sie persönlich aus dieser Erfahrung mit?

Hettiger: Für mich war es ein Highlight meiner beruflichen Laufbahn. Zu sehen, wie unsere Schülerinnen und Schüler über sich hinauswuchsen, bestärkt mich, den Weg der Internationalisierung an unserer Schule weiterzugehen.

Völkl: Auch wir Lehrkräfte haben Stereotype im Kopf – das ist menschlich. Doch im Gespräch mit anderen Menschen merkte ich, wie anders die Realität ist. Solche Begegnungen lehren uns mehr, als jede Theorie es könnte. Es war vielleicht das Schönste, was ich beruflich je gemacht habe.