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„Wer sich traut, dem steht ein größerer Teil der Welt offen“
Jochen Riehl
Österreich
Lehrkraft am Förderzentrum für Körperbehinderte im Wichernhaus Altdorf (im Ruhestand)

Jochen Riehl unterrichtete 42 Jahre am Förderzentrum für Körperbehinderte im Wichernhaus Altdorf, einer Einrichtung der Rummelsberger Diakonie. Kurz vor dem Ruhestand organisierte er mit seiner Klasse eine zehntägige, rund 260 Kilometer lange Radtour um den Neusiedler See. Daran nahmen auch Jugendliche der Eltes-Matyas-Förderschule im ungarischen Mosonmagyaróvár teil. Beim fünfjährigen Jubiläum der Stiftung ernannte man ihn dafür zum Botschafter für internationalen Jugendaustausch an Förderschulen. Im Interview erzählt er, wie er über Jahrzehnte zum internationalen Jugendaustausch kam, was Auslandsreisen für Jugendliche mit Körperbehinderung bedeuten und was er anderen Förderschulen rät, die selbst einen Schüleraustausch beginnen wollen. 

Was hat Sie während Ihrer gesamten Laufbahn dazu bewegt, mit Ihren Schulklassen ins Ausland zu reisen? 

Der Anfang war ein Zufall. 1994 fragte Werner Michl, Professor für Soziale Arbeit an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg, ob Erlebnispädagogik (Anm.: Eine Methode, bei der junge Menschen durch reale, ungewohnte Herausforderungen und gemeinsame Erlebnisse in ihrer Entwicklung gefördert werden) auch mit Jugendlichen mit Behinderung funktioniert. Ich machte das längst, kannte aber den Begriff noch nicht. 1995 organisierten wir als erstes Projekt eine rund 270 Kilometer lange Radtour von Linz nach Wien mit mechanisch angetriebenen Rollfietsen (Anm.: eine Art Fahrradrikscha), die uns ein Spender geschenkt hatte. Wir hielten das Projekt in dem gemeinsamen Buch „Leben gewinnen“ fest und wurden kurz darauf zur Gründung des EOE Network (des European Institute for Outdoor and Experimental Learning) eingeladen. Daraus entstand 1997 das erste internationale Schulprojekt mit Tschechien und Österreich, gefördert über das EU-Programm „Jugend für Europa“. Seitdem riss der Faden nicht mehr ab. In Netzwerk organisieren wir bis heute Projekte von der Slowakei über Portugal und Griechenland bis nach Großbritannien. Die Zusammenarbeit mit der Hochschule war von Anfang an entscheidend. Ohne sie wäre vieles gar nicht möglich gewesen. 

Wie kam es zu dem aktuellen Projekt, der Radtour um den Neusiedler See? 

Als Berater im EU-Förderprojekt BaNEx, kurz für Barrierfree Nature Experience, erfuhr ich von einem Radverleih im österreichischen Burgenland mit speziell ausgestatteten E-Bikes, deren Einkauf ich mitberaten durfte. Mit dieser Leihflotte konnte ich mit meiner Klasse, zehn Schülerinnen und Schülern, darunter sechs im Rollstuhl, endlich wieder eine große Radtour wagen. Zehn Tage waren wir unterwegs. Begleitet wurden wir von Studierenden der Sozialen Arbeit an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg im Rahmen eines zweisemestrigen Projektseminars. In gewisser Weise war das eine Rückkehr zu den Wurzeln, fast genau die Distanz unserer allerersten Reise 1995, nur an einem anderen Ort.

„So fühlt es sich an, die Komfortzone zu verlassen.“

Warum gerade Radfahren als Methode? Welche Rolle spielt die körperliche Herausforderung?

Der Förderschwerpunkt meiner Schule heißt „körperliche und motorische Entwicklung“. Radfahren ist eine Kulturtechnik und erweitert das Leben. Wer sich traut und es lernt, dem steht ein größerer Teil der Welt offen. Für Schüler, die zu Fuß kaum vorankommen, ist ein Handbike oft der einzige Weg zu mehr Selbstständigkeit. Einer unserer Jugendlichen kann wegen einer motorischen Koordinationsstörung nie einen Führerschein machen. Ein Handbike verschiebt seine Grenzen Schritt für Schritt und ermöglicht ihm die Teilhabe am alltäglichen Leben. 

Was verändert sich bei den Jugendlichen durch eine solche Reise?

Vor der Fahrt herrschen Vorfreude und Unsicherheit, hinzu kommen viele Fragen. Während der Fahrt wechseln sich die Freude am Unterwegssein, das Erleben des Unvorhersehbaren und Erschöpfung ab. Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die viele Jugendliche so formulieren: So fühlt es sich an, die Komfortzone verlassen zu haben. 

Wie konkret sich das zeigt, erzählte mir nach der letzten Reise die Logopädin einer Teilnehmerin. Bisher musste man der Schülerin jedes Wort einzeln entlocken. Nach der Rückkehr sprudelte sie förmlich, erzählte drauflos und sprach ungarische Städtenamen wie Mosonmagyaróvár problemlos aus. Auch ihre Eltern berichteten, wie selbstbewusst sie seither durch ihr Dorf geht.

Solche Erfahrungen prägen. Wer lernt, kleine Krisen selbst zu meistern, kommt am Ende deutlich selbstbewusster und widerstandsfähiger zurück in den Alltag. Manche trauen sich danach spürbar mehr zu, ihre Entscheidungen selbst in die Hand zu nehmen. 

Was braucht ein Betreuungsteam, wenn Jugendliche mit besonderem Pflege- oder medizinischem Bedarf mitreisen?

Im Vorfeld braucht es viel Kommunikation und Papierarbeit zwischen Eltern, Schule sowie Betreuerinnen und Betreuern. Unsere Schulleitung setzt die Teilnahme einer Krankenschwester voraus. Sie übernimmt die kontrollierte Medikamentengabe, die Wundversorgung und die Unterstützung der angelernten Pflegenden. Dazu kommen besondere tägliche Routinen, etwa strikte Trinkauflagen bei Blasen- oder Nierenproblemen. Außerdem nehmen wir bei Bedarf Pflegebett und Lifter mit auf die Reise. Damit trotzdem niemand aus dem Blick gerät, bilden wir vorab sogenannte Tutorenkleeblätter. Dabei übernehmen jeweils zwei Studierende und zwei Schülerinnen oder Schüler zusammen mit einer Fachkraft gemeinsam Teilverantwortung. 

Wie bereiten Sie Eltern auf die mehrtägige Auslandsfahrt ihrer Kinder vor?

Indem man sie von Anfang an so nimmt, wie sie sind: als Wurzelwerk unserer Schülerinnen und Schüler. An den Eltern führt kein Weg vorbei. Nachhaltige pädagogische Arbeit holt sie wertschätzend, informierend und mitplanend ins Boot. Elternabende funktionieren am besten am Sonntagnachmittag, wenn die meisten Eltern frei haben. Und nichts überzeugt so sehr wie Fotos, die die eigenen Kinder in einem Umfeld zeigen, das sie zu Hause nicht erleben würden. 

„Wer diese Punkte früh angeht, hat den größten Teil der Arbeit schon hinter sich.“

Welche organisatorischen Hürden unterschätzen Lehrkräfte am Anfang am meisten?

Vor allem die Fristen. Für einen Erasmus+-Antrag zum 1. Oktober müssen die Partnerschulen auf beiden Seiten Monate vorher wissen, wer mit welchem Projekt unterwegs sein möchte. Auch Gefährdungsbeurteilungen kosten viel Zeit, bis man damit vertraut ist. Die Personaldecken an Schulen werden zudem stetig dünner. Deshalb braucht es oft ein langfristiges Management für Ehrenamtliche mit erweitertem Führungszeugnis und Masernimpfschutznachweis, wieder mit ausreichend zeitlichem Vorlauf. Wer diese Punkte früh angeht, hat den größten Teil der Arbeit schon hinter sich. 

Wie findet eine Förderschule eine passende Partnerschule im Ausland?

Am besten über vorhandene persönliche Kontakte oder über kommunale Verbindungen wie Partnerstädte oder Partnerregionen. Auch der Service von „Jugend für Europa“ lohnt einen Blick. Sinnvoll ist zudem eine Anfrage bei lokalen Hochschulen. Sie pflegen oft längst internationale Kontakte und sind bereit, Förderschulen auf beiden Seiten einzubinden. Vorher sollte sich jede Schule klar darüber werden, welche eigenen Ziele, Stärken und Wünsche sie verfolgt. Denn das kann von Klasse zu Klasse sehr unterschiedlich sein. 

Wie sorgt man dafür, dass ein Schüleraustausch nicht an einer einzelnen engagierten Lehrkraft hängt?

Das ist kein Selbstläufer. Unsere Schule trägt beispielsweise den Ehrentitel „Schule für Europa“, was in den letzten Jahren vor allem an meinem Engagement hing. Jetzt hat die Schulleitung begonnen, internationalen Jugendaustausch konzeptionell zu verankern. Wichtig sind Dokumentationen, die für Nachfolgerinnen und Nachfolger sichtbar bleiben: Reiselandkarten, kurze Filme, die Appetit machen, und eine gut geführte Ablage im Sekretariat, damit sich Verwaltungsfragen auch ohne die ursprüngliche Lehrkraft klären lassen. Ich selbst werde meiner Schule auch im Ruhestand zur Verfügung stehen, wenn es Fragen gibt oder an der Personaldecke hakt. 

Was raten Sie einer Lehrkraft, die morgen zum ersten Mal einen internationalen Austausch für ihre Förderschule plant?

Zuerst sollte sie eine Taskforce aus Schulleitung, Verwaltung und Projektleitung bilden und die Unterstützung der Schulgemeinschaft sichern. Ein paar Fehler lassen sich von Anfang an vermeiden: kein Programm mit rein touristischem Charakter planen, Merkblätter zu Versicherung und Wechselkursen genau lesen und vorab klären, welches Förderprogramm tatsächlich zum eigenen Vorhaben passt. Und wer nicht weiß, wo er anfangen soll, muss das Rad nicht neu erfinden. Ein Anruf bei der Stiftung hilft in der Regel weiter. Notfalls leitet sie einfach meinen eigenen Kontakt weiter und ich biete Unterstützung bei offenen Fragen.